18.02.2014

RAF Terror im Südwesten | Haus der Geschichte BW



In der Wand die Andeutung eines riesigen Einschlaglochs; von der Decke hängen die resultierenden Splitter in überdimensionaler Größe. Auf jedem ein Name, Ort und Datum: fragmentarische Hinweise auf die Todesopfer der RAF. So beginnt der Ausstellungsraum zu „RAF. Terror im Südwesten"...


Wände, Boden und Decke sind in kräftigem Rot gestrichen, die Beleuchtung gedimmt. Auffällig ist die gebannte Aufmerksamkeit der Besucher. Es herrscht dicht gedrängte Stille rund um die in die Wände eingelassenen Vitrinen. Um die ausgestellten Dokumente, Zeugnisse, Briefe und Fotos lesen bzw. erkennen zu können, muss man nah an die Glasscheiben heran. Auf den ersten Blick mag das in dem ohnehin engen Raum unpraktisch erscheinen, aber dadurch entsteht Intimität zwischen Besucher und Exponat und dem dahinter stehenden Schicksal. Die Menschen und Ereignisse von damals sind plötzlich im Hier und Jetzt; oder umgekehrt: wir sind mitten in den Geschehnissen der Vergangenheit. So gelingt den Ausstellungsmachern trotz schlichter Inszenierung genau das, was sie versprechen: Geschichte lebendig zu machen.
Die Ausstellung wartet mit vielen Originalexponaten auf: von Waffen und Munition über persönliche Briefe, Notizen und Fotos bis hin zu zahlreichen TV-Clips und Interviews. Beim Betrachten des Plakats mit den gesuchten Tatverdächtigen („Anarchistische Gewalttäter“) erinnere ich mich plötzlich an meine Kindheit, als in allen Postfilialen (gar beim Bäcker?) die dunklen Gesichter aushingen. Die schwarzen Fotos machten die „Bösen“ noch unheimlicher.
Die Kuratoren haben sich nicht gescheut, die Besucher mit schockierenden Bildern zu konfrontieren. An einer Stelle ist eine kritische Schüler- und Lehrlingszeitung namens „Assawa Kumari“ ausgestellt, die mit Bildern massakrierter Vietnamesen „Frohe Weihnachten“ wünscht. Am Ende des Raums begegnet man Polaroids mit Aufnahmen des entführten Schleyer samt dem Schreiben der RAF zum Tod desselbigen.
Man wird mit einer nicht weit zurückliegenden Zeit konfrontiert, die fast vergessen, plötzlich wieder aufflammt und – verstärkt durch den lokalen Bezug – einen mit sich reißt. Ich atme erst einmal tief durch, nachdem ich den Hauptraum verlassen habe und in einen deutlich helleren, weißen Raum trete, wo der Epilog wartet: Originaltransparente friedlicher Demonstranten; Wrackteile des Autos von Beckurt; Tische mit Monitoren, über die kurze TV-Berichte und Interviews abrufbar sind, wie das Thema in den 1990ern behandelt wurde. Zeitungszitate und -headlines an den Wänden stellen die Frage: Ist die Gewalt der RAF Geschichte? Diese beantwortet das Haus der Geschichte mit Nein. Denn viele Täter/Taten sind ungeklärt und die Angehörigen warten bis heute auf Gerechtigkeit.
Die Ausstellung setzt sich mit „Gewalttaten“ und „Aufruf zur Gewalt“, „Trauer“, „Gewaltmonopol“ und „Vollzug“ , „Eskalation“ und Absagen an die Gewalt auseinander. Die wichtigsten Punkte sind angesprochen. Vielleicht hätte jedoch eine Art Prolog darauf eingehen können, welche Ereignisse und Entwicklungen den Gewalttaten vorausgegangen waren.


  •          Lieblingsexponat? - Der Schulaufsatz eines späteren RAF-Mitglieds, über die   Parallelen zwischen Michael Kohlhaas und Andreas Baader, samt Kommentaren des Lehrers
  •          Nachmachen! - endlich ein Eintrittspreis, den Mann und Frau sich leisten können! (3€ - häufig verlangen Stuttgarter Museen bis zu 12€ für ihre Sonderausstellungen)
  •          Was stört? - Fotografieren strengstens verboten - wenn auch bei diesen Exponaten teilweise verständlich. Ebenso zu bemängeln ist die technische Ausrüstung (labile Kopfhörer, über die der Sound oft nur mono dröhnt)
  •          Wie hinkommen? - zu Fuß vom Hauptbahnhof oder vom Charlottenplatz, gemütlich entlang einer der meist befahrensten Straßen Stuttgarts, der Konrad-Adenauer-Straße
  •          Was gibt’s noch?- der Ausstellungskatalog mit zusätzlichen Details lohnt sich

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