16.03.2014

The Space Between Us | ifa-Galerie Stuttgart


Zwei schlanke Männer in bunten, kurzärmligen Polo-Shirts, mit Baseball-Kappe und Sonnenbrille posieren auf der Straße: ein Ausschnitt des Banners zur Ausstellung „The Space Between Us – Mobilität, Kunst, Stadtraum“ im Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) Stuttgart. Auf den ersten Blick wirkt die sonnige urbane Szene harmlos. Schaut man genauer hin, erkennt man rechts hinter den beiden jungen Männern jedoch einen Hinweis, der die vermeintliche Harmonie durchbricht: ein Plakat mit der Aufschrift „Quick and same day Abortion. Safe and pain free. Dr. Rosie“...
Der zweite Blick, das genaue Hinsehen gilt auch für die Ausstellung. Sie zeigt, wie künstlerische Ansätze das „Spannungsfeld zwischen Afrika und Europa“ (Stuttgarter Zeitung) reflektieren. Es geht um die Frage, wie Stadt-, Arbeits- und Wohnraum verhandelt wird: wem gehört er und wer beansprucht ihn auf welche Weise. Aber diese Frage streckt sich noch weiter, sie führt in die ganze Welt hinaus und heißt dann: wem gehört Afrika, wem gehört Europa und wem gehört afrikanische Kunst, die oft außerafrikanische Institutionen oder Personen für sich beanspruchen.

Veranschaulicht wird dies anhand von Videoinstallationen, Porzellanfiguren, Plastiken und Fotografien. Auf einem zentralen Foto mimt ein Schauspieler Indiana Jones. Im Hintergrund sammeln sich afrikanische Gegenstände nach Kriterien geordnet, unter denen sich westliche Einrichtungen afrikanisches Kulturgut aneigneten. Noch weiter, jedoch subtiler, wird diese Kritik in einem Kunstwerk des Berliners Dierk Schmidt auf die Spitze getrieben: er bemalte originale Vitrinenscheiben des Ethnologischen Museums zu Dahlem, hinter denen Leoparden-Bronzen aus Benin gezeigt wurden. Diese Gegenstände waren einst bei der Zerschlagung des Königreichs Benin durch britische Truppen geraubt worden. 

Weiter ins Detail möchten und können wir an dieser Stelle auch nicht gehen. Dass Fragen zu Migrations- und Restitutionsdebatten laut werden, ist erkenntlich. Mit dem Hinweis auf diese Ausstellung möchten wir vor allem kulturhistorische Museen dazu anregen, in ihrer Themenwahl und –darstellung politische Stellungnahmen zu wagen. Ein Rundumblick reicht, um Krisenherde in der Welt auszumachen, die Aufmerksamkeit verdienen und mit denen wir uns als Gesellschaft intensiver auseinandersetzen sollten. Existentielle Fragen sind für Künstler und Kunstausstellung oft selbstverständlicher Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Kulturhistorische Ausstellungen trauen sich solche Fragen leider oft nur aus der sicheren Distanz der historischen Perspektive zu tangieren.



  • Lieblingsexponat? – Die Porzellan-Monster von Satch Hoyt 
  • Nachmachen! – Jede Ausstellung in der ifa-Galerie ist kostenlos; Fotografieren stets erlaubt 
  • Was stört? – unzureichende Exponatbeschriftungen; fehlende Einführung 
  • Wie hinkommen? – Direkt am Stuttgarter Charlottenplatz, wo sich alle U-Linien kreuzen 
  • Charme? / Was gibt´s noch? – Das ifa befindet sich im Gebäude des ehemaligen „Alten Waisenhauses“, wo 1925 der Vorgänger des ifa, das Deutsche-Auslands-Institut (DAI) einzog. Heute vom Auswärtigen Amt als Mittlerorganisation für auswärtige Kulturpolitik gefördert, fungierte die Institution während des Dritten Reichs als Planungszentrum für Volkstumspolitik. Das ifa konnte seine dunkle Schatten abschütteln und bot in der BRD die ersten Deutschkurse für Gastarbeiter an. Der Innenhof ist bei schönem Wetter ideal zum Entspannen. Die ifa-Zeitschrift „Kulturaustausch“ mit Beiträgen internationaler Wissenschaftler und Künstler ist äußerst lesenswert.

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